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Der Kinkelinpark wurde der Jugend geschenkt

Romanshorn um 1920, mit gut sichtbarem Mammutbaum
Der Mammutbaum im Kinkelinpark 2013

 

(aus: Seeblick vom 22. November 2013)

 

Mitten in Romanshorn steht an der Bahnhofstrasse ein rund 40 Meter hoher Mammutbaum (Sequoia gigantea). Dieser Baum dürfte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gepflanzt worden sein. Um 1900 schmückte er den Garten des einstigen Restaurants ‚zur alten Post‘ und vergrösserte auch den Grün- und Freiraum zu den direkt gegenüberliegenden Baudenkmälern der Primarschule.

 

 

Bedrohter Mammutbaum wurde gerettet

 

Im Frühjahr 1928 vernahm Cäsar Kinkelin (1884–1962), welcher in Romanshorn eine Anwaltskanzlei betrieb, dass das Grundstück mit dem Mammutbaum als Bauparzelle veräussert werden soll. Aus Sorge, dass dieses wertvolle Naturobjekt damit verschwinden könnte, erwarb Cäsar Kinkelin zusammen mit dem Farbrikanten Ernst Scherrer das Areal. Einige Jahre später übernahm Cäsar Kinkelin das ganze Grundstück.

 

 

Vermächtnis in Erinnerung an die Schuljahre

 

Cäsar Kinkelin wollte ursprünglich seinen Park der Schule schenken, da er den Schwund der ehemals zahlreich vorhandenen Bäume auf dem Schulgelände und im Bereich der Bahnhofstrasse (siehe Bild) bedauerte, doch vermachte er den Park schliesslich der politischen Gemeinde. Begründet wurde dieser Entscheid mit der im Laufe der Jahre erfolgten Trennung von Park und Schulareal durch die zunehmend stärker befahrene Hauptstrasse sowie dem Vertrauen in die Gemeindeverwaltung, den Park fachgerecht zu erhalten und zu pflegen. In seinem Schreiben vom März 1962 an den Gemeinderat von Romanshorn hält Cäsar Kinkelin den Zweck seiner Schenkung mit folgenden Worten fest:

«Die Jugend soll nach oben zum Lichte strebende Bäume, die gegen die Sonne auch wieder kühlen Schatten spenden, täglich vor Augen haben und der Altgewordene an der immer wieder grünenden und höhersteigenden Wachstumsspitze erkennen, dass jedenfalls bei einer Sequoia gigantea die Lebenskraft, weit über menschliche Zeitmassstäbe hinaus, erhalten bleiben kann. […] Die schenkungsweise Zuwendung erfolgt in dankbarer Erinnerung an die Schuljahre in der Jugendzeit und zum Andenken an meine Eltern und Grosseltern.»

 

 

Mammutbaum ist noch jung und breitet sich aus

 

Die ältesten Mammutbäume sollen an ihrem Ursprungsort Kalifornien rund 3000 Jahre alt sein, einen Stammdurchmesser bis zu zwölf Metern haben und eine Höhe bis 150 Meter erreichen. Der Mammutbaum im Kinkelinpark ist demnach mit seinen ca. 150 Lebensjahren, einem Durchmesser von 2 ½ Metern und einer Höhe von ca. 40 Metern vergleichsweise sehr jung und hat bei guter Pflege und genügend grossem Wurzelraum noch eine lange Lebenszeit vor sich. Da seit 1985 der Schwerverkehr zur Fähre und zum Bahnhof über die Friedrichshafnerstrasse geführt wird, konnte die Bahnhofstrasse entlastet werden. Sie hat somit heute nur noch eine innerstädtische Bedeutung. Der Mammutbaum im Kinkelinpark hat hingegen als schönster und grösster Baum im Kanton Thurgau weiterhin eine weit über Romanshorn reichende Ausstrahlung. Der Baum ist sich offenbar seiner Bedeutung bewusst, ist sein Wurzelwerk doch daran, die Grenzmauer zur Strasse wegzustossen und den Asphalt aufzubrechen. Zumindest die Wurzeln bewegen sich in Richtung des Schulareals, wahrscheinlich ganz im Sinne von Cäsar Kinkelin, der während seiner Jungendzeit den Mammutbaum und seine Umgebung als Teil des Grünraums der Schule wahrnahm und schätzte. Ob der Mammutbaum sich weiter entfalten darf, wird im Rahmen der anstehenden Kommunalplanung zu entscheiden sein, wo es darum geht, die Vorgaben für die Gestaltung des öffentlichen Raums (inkl. Strassen) festzulegen.

 

 

Nina Stieger, Stadtentwicklerin in Romanshorn